Handgezeichnete Skizze: Eine schwarze Kurve zeigt, wie oft eine Gesundheits-App geöffnet wird, und fällt mit der Zeit. Eine rote Kurve zeigt, wie es der Patientin geht, und steigt. Am Kreuzungspunkt die Notiz: sieht aus wie Abbruch, ist eigentlich Erfolg.

Viel Nutzung beweist keinen Nutzen

Ein Schrittzähler weiß ziemlich genau, wie viele Schritte ich heute gegangen bin. Ob mir das gutgetan hat, weiß er nicht. Er zählt, was sich leicht zählen lässt. Und irgendwann hält man die Zahl für das Ziel.

An dieses kleine Missverständnis musste ich denken, als ich mich mit einer neuen Regel für Apps auf Rezept beschäftigt habe. Seit 2020 können Ärztinnen und Ärzte in Deutschland digitale Gesundheitsanwendungen verschreiben, kurz DiGA. Das sind Apps, die bei einer Erkrankung helfen sollen und deren Kosten die Krankenkasse übernimmt. Seit Februar 2026 gilt eine geänderte Verordnung. Wer dauerhaft im offiziellen Verzeichnis steht, erfasst seit dem dritten Quartal laufend, wie lange und wie oft die App genutzt wird, wie viele Menschen abbrechen, wie zufrieden sie sind und wie sie ihren eigenen Gesundheitszustand einschätzen. Der erste Bericht ist im April 2027 fällig. Ein Teil der Vergütung soll künftig vom Erfolg abhängen.

Der Druck dahinter ist nachvollziehbar. Im April hat der GKV-Spitzenverband seinen jährlichen Bericht vorgelegt. Von 74 Apps, die seit 2020 ins Verzeichnis aufgenommen wurden, konnten nur 14 schon beim Start einen Nutzen belegen. 16 wurden wieder gestrichen, weil der Nachweis ausblieb. Rund 1,9 Millionen Mal wurde eine solche App verordnet oder genehmigt, etwa 1,6 Millionen Mal wurde sie tatsächlich genutzt. Die Kassen wollen wissen, wofür sie bezahlen. Das ist fair.

Trotzdem steckt in der neuen Messung eine Falle. Sie ist eine gestalterische, keine juristische.

Viel Nutzung ist kein Beweis

Die meisten Apps auf unseren Telefonen sind darauf gebaut, wieder geöffnet zu werden. Serien, die man nicht reißen lassen will. Erinnerungen. Kleine Belohnungen. Für ein soziales Netzwerk ist das folgerichtig, dort ist die Aufmerksamkeit das Produkt.

Bei einer Therapie ist es umgekehrt. Eine Physiotherapeutin, die nach acht Wochen noch jede Übung vormachen muss, hat ihr Ziel verfehlt. Die gute schickt einen irgendwann mit einem Zettel nach Hause und sagt, man solle sich melden, wenn es wieder zwickt.

Eine App, die Routinen aufbauen soll, hat deshalb zwangsläufig das Ziel, sich überflüssig zu machen. Wenn sie gelingt, wird sie seltener geöffnet. Die Nutzungskurve fällt also genau dann, wenn die Therapie wirkt. Wer nur auf Minuten und Interaktionen pro Woche schaut, sieht in diesem Moment etwas, das aussieht wie nachlassendes Interesse.

Viel Nutzung beweist keinen Nutzen. Manchmal beweist sie nur, dass jemand noch nicht weiterkommt.

Drei Blicke auf dieselben Daten

Erfolg sieht anders aus, je nachdem, wer hinschaut. Die Patientin will vor allem merken, dass sich etwas bewegt. Fortschritt, den man sieht, ist selbst ein Teil der Motivation, und bei allem, was man täglich üben muss, entscheidet Motivation darüber, ob man durchhält. Die Ärztin hat für eine Folgeverordnung ein paar Minuten. Sie braucht auf einen Blick die Antwort auf eine einzige Frage, nämlich ob es hilft. Und die Kasse braucht einen Nachweis, der fair ist, auch gegenüber Apps, die ihre Arbeit schneller erledigen als andere.

Wenn man diese drei Blicke erst am Ende für einen Bericht zusammensucht, bekommt man eine Statistik. Wenn man sie von Anfang an mitdenkt, bekommt man ein Produkt, das zeigt, was es tut.

Dazu kommt ein praktisches Problem. Wer Erfolg messen will, greift zum Fragebogen. Jeder Fragebogen ist aber eine kleine Unterbrechung, und Unterbrechungen sind genau die Momente, in denen Menschen eine App weglegen. Die Teilnahme an den Befragungen ist nach der neuen Regel freiwillig. Wer zu oft fragt, misst am Ende vor allem die Geduld der Geduldigen. Besser sind Daten, die nebenbei entstehen, weil sie Teil der Übung selbst sind. Wie lange jemand eine Position hält. Ein Messwert von einem Gerät, das ohnehin benutzt wird. Und wenn schon eine Frage, dann eine, die man gern beantwortet, weil die Antwort einem selbst etwas zeigt.

Was ich aus dem OP mitgenommen habe

Für das ARRISCOPE, das erste volldigitale 3D-Operationsmikroskop, habe ich mit ARRI und Munich Surgical Imaging das Interface gestaltet. Dabei kam es immer wieder auf denselben Punkt an: Die Bedienung ist eine Erweiterung, kein eigenes Ziel. Sie soll funktionieren wie ein Werkzeug, und ein gutes Werkzeug steht nicht im Weg. Ein Chirurg, der durch ein Mikroskop operiert, hat keinen Blick übrig für ein Dashboard am Rand. Was er wissen muss, gehört in sein Sichtfeld, im richtigen Moment, ohne das Operationsfeld zu verdecken. Alles andere ist Lärm, auch wenn es stimmt.

Bei einer App auf Rezept ist die Lage weniger dramatisch, der Anspruch ähnelt sich trotzdem. Auch sie sollte ein Werkzeug sein und kein Ort, an dem man Zeit verbringen soll. Ob eine Therapie wirkt, ist im Alltag unsichtbar. Die Veränderung kommt langsam, über Wochen, und man selbst ist ihr schlechtester Beobachter. Sie sichtbar zu machen ist deshalb keine Nebenaufgabe für das Reporting. Es gehört zur Behandlung.

An solchen Fragen arbeite ich bei Think Thing, in der Medizintechnik genauso wie in der Industrie. Wie zeigt man einen Zustand, der sich sonst nur in Zahlen versteckt, die niemand liest?

Nach dem letzten Öffnen

Bleibt die Frage, was aus einer App wird, die ihr Ziel erreicht hat. Vielleicht bekommt sie eine neue Rolle. Als Impuls, wenn nach einem halben Jahr die Motivation nachlässt. Oder als kurzer Check, ob man die Übungen nach Monaten noch so macht, wie man sie gelernt hat. Für die Patientin wäre das eine Rückversicherung. Für alle anderen wäre es die ehrlichste Langzeitmessung, die es gibt. Heute bekommt man solche Daten fast nur aus aufwendigen Studien.

Die neue Regel zählt Abbrüche. Von außen sehen zwei Menschen, die eine App nicht mehr öffnen, gleich aus, auch wenn der eine aufgegeben hat und die andere einfach fertig ist. Woran soll ein System diesen Unterschied erkennen, wenn niemand ihn vorher gestaltet hat?