Kreative Arbeit war nie nur eine Frage der Zeit
Nicht nur auf LinkedIn wird darüber heiß diskutiert. Werden wir bald von Art Farms und Agentensweatshops mit erntereifen Designs und bedeutungsvoller Kunst beliefert? Ohne Mühe kommen wir bald in den Genuss von dem, was sonst nur wenigen innovativen Denkern möglich gewesen ist?
"You press the button and we do the Schöpfung."
Es gibt da nur ein klitzekleines Problem in dieser fahlen Utopie, denn ohne biologische Befruchtung entsteht kein neues Leben. Und nicht, dass biologische oder intellektuelle Befruchtung den Menschen in der Vergangenheit keinen Spaß bereitet hätte. Lässt man den Gedanken der menschlichen Reproduktion mal auf sich wirken, wird schnell klar: Das ist etwas grundlegend anderes als künstliche Intelligenz. Die eine bringt neues Leben hervor, weil zwei unterschiedliche Ursprünge aufeinandertreffen. Die andere rekombiniert nur, was bereits da war.
Und der Reiz ist nachvollziehbar: Sich mit anderen auszutauschen heißt, sich angreifbar zu machen, die eigene Idee vor jemandem auszubreiten, der sie infrage stellt, ablehnt oder seine für besser hält. Aus Bequemlichkeit oder aus Angst wird genau das heute oft vermieden. Die anonyme Schöpfung am KI-Tool löst dieses Problem elegant: Man kann nicht verletzt werden, wenn man sich nicht mitteilt.
Genau deshalb glaube ich an echte Zusammenarbeit zwischen kreativen Menschen.
Etwas Neues entsteht nicht, wenn ein System sich selbst wiederholt, sondern wenn unterschiedliche Perspektiven, Biografien und Handschriften aufeinandertreffen und sich gegenseitig herausfordern.
Gerade am Wochenende bei einem Filmdreh zu einem Kunstprojekt habe ich wieder erlebt, wie besonders diese Momente des produktiven Flows in einer Gruppe von kreativen Charakteren sind: eine Künstlerin mit ihrer Vision, Tänzer:innen, ein Kamerateam, Beleuchter:innen, Assistent:innen...
Man sollte öfter mal rausgehen und mit Menschen reden, arbeiten, diskutieren, um zu erleben, was sonst so verloren geht. Auch für mich gilt: Die besten Erkenntnisse gewinne ich, wenn ich in meiner Rolle als Designer auch regelmäßig auf der Anwenderseite stehe.
Kreative Schöpfung war also nie nur eine Frage der Zeit, sondern eine Frage der Menschen, ihrer Perspektiven und ihrer Erfahrungen, die aufeinandertreffen müssen. Das gilt auch in Zeiten von KI, notfalls mit ihrer Unterstützung.
Und genau das macht so verdammt viel Spaß.